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Die Corona-Krise stellt eine Belastungsprobe für die Internet-Infrastruktur dar. Sascha Schumann, IT-Kopf und Geschäftsführer von Myra Security, erläutert im Gespräch, wie Firmen auf die neue Belastung reagieren können.

Durch die aktuelle Corona-Krise und die Ausgangsbeschränkungen in vielen europäischen Ländern wird der Internet-Infrastruktur eine Menge abverlangt. Homeoffice, Videokonferenzen, Streaming-Dienste und Gaming machen den Löwenanteil des Traffics aus. Gleichzeitig erfolgt auch die Krisenkommunikation von Regierung und Behörden über das Internet. Engpässe bei der Verarbeitung der ungeahnt hohen Lastspitzen gefährden damit direkt das Krisenmanagement des Landes.

Sascha Schumann erläutert im Interview, wie Behörden, Firmen und Dienstanbieter auf den plötzlichen Traffic-Anstieg reagieren können und wo die Grenzen der Internet-Infrastruktur liegen.

Im Zuge der Corona-Pandemie ist der Informationsbedarf der Bürger bei offiziellen Stellen enorm angestiegen. Wie zeigt sich das in der Praxis?

Sascha Schumann: Wir sehen bei den für Bürger besonders relevanten Angeboten eine Verhundertfachung der Nachfrage, also hundert Mal so viele Anfragen und Traffic wie zu normalen Zeiten.

Welche Branchen, Dienste, Behörden oder Firmen sind vor allem betroffen?

Schumann: Wir liefern unter anderem den Internet-Livestream der Bundeskanzlerin, sowie die Angebote des Bundesgesundheitsministeriums und der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung www.infektionsschutz.de aus. Aber auch unsere E-Commerce-Kunden haben einen deutlichen Trafficzuwachs, da die Bestellungen zunehmen.

Handelt es sich ausschließlich um organischen Traffic oder gibt es auch andere Gründe wie DDoS Angriffe?

Schumann: Wir sehen gleichzeitig zum deutlichen Anstieg des organischen Traffics eine Zunahme der DDoS-Angriffe, auch hier auf wichtige Informationsportale für Bürger. Es ist in diesen Zeiten noch bedeutender, sich umfassend vor Angriffen zu schützen, denn den Angreifern ist klar: Wenn sie jetzt treffen können, haben sie noch mehr Schaden verursacht als sonst.

Kann die Infrastruktur hierzulande das meistern?

Schumann: Die Skalierung um Faktor 100 ist in den meisten Fällen schwierig und teuer, wenn man an zusätzliche Server, Leitungen und Co denkt. Wir bei Myra sind für den Ernstfall bereits gerüstet und können Kunden ohne teure Umwege und Investionen in die eigene Infrastruktur zeitnah mehr Leistung an die Hand geben.

Vergangene Woche sind erste Anbieter von Collaboration-Lösungen im Netz aufgrund der hohen Nachfrage ausgefallen. Gleichzeitig reduzieren Streaming-Dienste die Übertragungsqualität, um Bandbreite einzusparen. Wo liegt der Flaschenhals, bei den Providern oder bei den Dienstanbietern?

Schumann: Auch wir bei Myra haben erlebt, dass Live-Übertragungen von sonst wenigen Gbit/s auf fast ein Terabit/s (=1024 Gbit/s) ohne große Vorankündigung hochschnellen können. Die Vorbereitung der einzelnen Dienstanbieter macht sich dann bezahlt – oder rächt sich, wenn man an der falschen Stelle gespart hat. In unserem Falle konnten wir die Übertragung ohne Probleme durchführen.

Was ist von den freiwilligen Aktionen von Netflix und Co. zur Verringerung des Bandbreitenbedarfs zu halten? Tropfen auf dem heißen Stein oder sinnvolle Vorkehrung?

Schumann: Wenn die größten Bandbreitennutzer sich selbst drosseln, macht das Sinn. Es geht dabei nicht nur um die Netzübergabepunkte (Peering), sondern auch um die Access-Netze, die bis zum Endkunden auch nur eine bestimmte Dimension haben. Alles ist endlich und ein Netz mit zig Millionen DSL-Kunden auszubauen, geht auch nicht in zwei Tagen.

Welche Möglichkeiten besitzen Dienstanbieter, um ihre Services für plötzliche Lastspitzen vorzubereiten?

Schumann: Es ist in jedem Fall anzuraten, einen Partner zu haben, dessen Tagesgeschäft das Hochskalieren von Auslieferungsdiensten ist. Viele Kunden haben das mittlerweile erkannt und Launchen neue Dienste/Webseiten nur noch hinter unserem DDoS-geschützten CDN.

Wie schnell kann man extra Bandbreite verfügbar machen und hochskalieren?

Schumann: Myra betreibt dafür eine Autoscaling-Plattform. Diese überwacht den eingehenden Datenverkehr und kann die Auslieferung bei Bedarf vollautomatisch auf zig Auslieferungsmaschinen je Myra-PoP verteilen. Damit ist sichergestellt, dass jeder Besucheransturm, etwa durch Marketing-Aktionen, zuverlässig gehandled wird und nicht etwa durch Überlastung ins Leere geht.

Ist das Vorhalten von großen Bandbreiten für Lastspitzen nicht sehr teuer? So etwas wie Covid-19 passiert ja nicht alle Tage. Wie kann man diese Vorsorge preislich attraktiv gestalten?

Schumann: Als Spezialdienstleister für die Auslieferung von Content, Video und Live-Streaming sowie als Experte für die Abwehr von digitalen Angriffen sind wir mit Bandbreite überversorgt. Wir handeln das global und sind dadurch auch für Ad-hoc-Anfragen stets verfügbar und jeder Zeit hochskalierbar.

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